Montag, 22. Februar 2016

Wo sind die guten Vorsätze hin? Egal...

Hallo Ihr Lieben,

nach zwei Monaten Blog-Abstinenz melde ich mich endlich wieder. Die letzten Wochen habe ich damit verbracht, meine Prüfung zu bestehen, umzuziehen, mich selbstständig zu machen, Möbel aufzubauen und fiese Viren abzuwehren. Weihnachten und Silvester haben wir dazwischen natürlich auch noch gefeiert – aber das ist ja schon ewig her. Also erspare ich es mir, Euch ein gutes „neues“ Jahr zu wünschen und frage viel lieber nach der Durchsetzungskraft Eurer guten Vorsätze: Wer ist noch dabei, wer hat schon aufgegeben? Und wer von Euch macht bei diesem ganzen Vorsatz-Gedöns überhaupt noch mit?

Für alle, die 2016 entspannter angehen möchte, habe ich heute den ersten Literaturtipp des Jahres:

„Einen Scheiß muss ich“ von Sean Brummel

Sean Brummel war ein unglücklicher Ehemann und Elektronikverkäufer, bis ihm der Satz „einen Scheiß muss ich“ die Augen geöffnet und die schriftstellerische Fähigkeit geschenkt hat, einen Ratgeber zum Thema „was ich im Leben wirklich tun muss“ zu schreiben. Die Antwort: gar nichts, worauf man keine Lust hat. „Das Manifest gegen das schlechte Gewissen“, so der Untertitel, zeigt uns also einen entspannten Blickwinkel auf Beziehung, Job und sonstige Erwartungen.

© S. Fischer Verlag



Es beginnt mit Seans Geschichte, wie er dazu kam, Frau und Job hinter sich zu lassen, um Kaliforniens elftstärkstes Bier zu brauen und das Leben fern von gesellschaftlichen Pseudo-Vorgaben einfach zu genießen. Nach dieser wahnwitzigen Geschichte beginnt der Ratgeberpart, unterteilt in so wichtige Themen wie Gesundheit, Ernährung, Erfolg, Freizeit, Gesellschaft und Sinn des Lebens.


Laissez-faire à l'américaine 


In der Form amerikanischer Ratgeber-Literatur verfasst, bringt Sean Brummel alles auf den Tisch, was uns ein schlechtes Gewissen bereitet und uns daran hindert, mehr Spaß zu haben: Veganismus, Alkoholabstinenz, Karriere, Diäten... und bringt seinen eigenen Standpunkt samt Anekdoten aus dem eigenen Freundeskreis zu diesen Themen zum Ausdruck, was jede gestresste Mama, jeden Sportmuffel und jeden, der einen 12-Stunden-Arbeitstag hinter sich hat, zum lauten Lachen bringen wird. Unterlegt werden seine Statements (wie „Sport ist gefährlich“, oder „Diäten sind Sabotage an Ihrem Körper“) mit Fußnoten zu tatsächlich publizierten Studien und Artikeln. Hin und wieder gibt es einen Dialog mit Zwischenrufen aus dem fiktiven Publikum oder seines Lektors, auf welche Sean seine Sichtweise gegen „das maßlose Müssen“ dann noch weiter in seiner lockeren, pseudowissenschaftlichen Art untermauert.

© S. Fischer Verlag.  Autor: Tommy Jaud (2015) als Sean Brummel, Foto: Friedemann Meyer     


Meine Lieblings-Statements aus „Einen Scheiß muss ich“:

Sport macht fett. Schauen Sie sich nur mal ehemalige Sportlegenden an“ 
(Maradona, Boris Becker, Mike Tyson...)

Kaufen Sie nichts, was eine Hotline hat!

Keine Meinung zu haben, macht auch keine Arbeit!

Machen sie eine Fuck-it-Liste statt einer Bucket List – mit all den Dingen, die Sie NIE tun möchten (und zu einer Bucket List stellt er die Nachfrage „Würden Sie all die Dinge auch tun, wenn sie es niemandem mitteilen könnten?)

Oder das folgende Goethe-Zitat: "Mein Rat ist daher, nichts zu forcieren und alle unproduktiven Tage und Stunden lieber zu Verbänden und zu verschlafen, als in solchen Tagen etwas machen zu wollen, woran man später keine Freude hat."

Ihr seht schon, ganz ernst gemeint ist der amüsante Ratgeber natürlich nicht, doch er hinterfragt auch moderne Stress-Situationen wie FOMO (Fear of missing out“),  Diätenwahn, warum wir mehr Zeit im Job als mit Familie & Freunden verbringen und warum wir uns mit veganem Essen quälen, wo Steaks doch so viel besser schmecken. 
Hinter all dem Spaß und der Satire lässt uns dieses Buch ab und zu kurz mal auf- und in uns selbst hineinblicken: Beim Lesen des Ernährungs-Kapitels stellte ich mir zum Beispiel die Frage: Muss ich mir wirklich während der ganzen Fastenzeit die Schokolade verkneifen? Warum eigentlich? Dank der netten Worte des 100 kg schweren, aber sauglücklichen Seans habe ich also gleich 4 Stückchen auf einmal genascht und fühle mich seitdem viel besser, anstatt ein schlechtes Gewissen zu haben.


Wer steckt hinter Sean Brummel?
Wer also ist dieser von sich selbst und seinen Theorien so überzeugte Ratgeberautor, der bislang nicht in der Literaturlandschaft auftauchte? Sean Brummel ist kein Unbekannter, sondern ein Pseudonym für einen der bekanntesten Comedy-Autoren Deutschlands: Tommy Jaud (Gag-Schreiber für Ladykracher & Autor von Vollidiot, Resturlaub,...). Sein amerikanisches Alter Ego steht ihm nicht schlecht und passt perfekt zum Gesamtkonzept „made in California“ – und wir wissen jetzt, dass Jaud neben lustigen Romanen auch nette Ratgeberparodien schreiben kann.


Autor: Tommy Jaud & sein Alter Ego Sean Brummel (2015)
 Foto: Friedemann Meyer , © S. Fischer Verlag


Fazit: 
Kurzweilig und unterhaltsam – Sean Brummel hat ein neues Genre geschaffen, dass die Ellenbogengesellschaft dringend nötig hatte: den „Nehmt-Euch-selbst-nicht-so-ernst-und-wichtig-Ratgeber“. „Einen Scheiß muss ich“ wäre kein Buch, das ich für mich selbst kaufen würde, aber ein Geschenketipp für alle Hektiker, Stressgeplagten und esoterischen Ratgeberfans, denen man mal ein paar Abende versüßen möchte, damit sie endlich wieder lachen... für alle Besserwisser – Karrieristen, Sportfanatiker oder militante Veganer – , die einem mit ihrem Missionierungsgehabe auf die Nerven gehen (hinterher weiß man, ob sie wirklich Spaß verstehen oder ob man auf ihre Bekanntschaft verzichten kann)... und für alle, die anstatt eines Romans auch mal mit einem lustigen Comedyratgeber abschalten wollen. Ich bin gespannt auf weitere Lebensweisheiten aus dem Hause Brummel. 


So, das war es für heute, ich muss jetzt die Spülmaschine ausräumen. Wie bitte? Ach, ein kleiner Sean sitzt auf meiner Schulter und brummelt mir ins Ohr: „Einen Sch... musst Du!“  Okay, ich muss es nicht, soll mein Mann das doch heute Abend machen. Ich hole lieber Monsieur Mignon früher vom Kindergarten ab und erkunde, jetzt wo nach 3 Wochen endlich mal ein paar Sonnenstrahlen auftauchen, die neue Nachbarschaft.


Lasst es Euch gut gehen!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen